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Mörike, Eduard Friedrich / Mozart auf der Reise nach Prag
Wie ich dann aber endlich kam und du mich um die Uhr
befrugst, log ich dich frischweg ein paar Stunden jnger, als du
warst, denn es ging stark auf viere. Und nun wirst du begreifen, warum
du mich um sechse nicht aus den Federn brachtest, der Kutscher wieder
heimgeschickt und auf den andern Tag bestellt werden mute.

Natrlich! versetzte Konstanze, nur bilde sich der schlaue Mann
nicht ein, man sei so dumm gewesen, nichts zu merken! Deswegen
brauchtest du mir deinen schnen Vorsprung frwahr nicht zu
verheimlichen!

Auch war es nicht deshalb.

Wei schon - du wolltest deinen Schatz vorerst noch unbeschrien
haben.

Mich freut nur, rief der gutmtige Wirt, da wir morgen nicht ntig
haben, ein edles Wiener Kutscherherz zu krnken, wenn Herr Mozart
partout nicht aufstehen kann. Die Ordre >Hans, spann wieder aus!< tut
jederzeit sehr weh.

Diese indirekte Bitte um lngeres Bleiben, mit der sich die brigen
Stimmen im herzlichsten Zuspruch verbanden, gab den Reisenden Anla zu
Auseinandersetzung sehr triftiger Grnde dagegen; doch verglich man
sich gerne dahin, da nicht zu zeitig aufgebrochen und noch vergngt
zusammen gefrhstckt werden solle.

Man stand und drehte sich noch eine Zeit lang in Gruppen schwatzend
umeinander. Mozart sah sich nach jemandem um, augenscheinlich nach
der Braut; da sie jedoch gerade nicht zugegen war, so richtete er
naiverweise die ihr bestimmte Frage unmittelbar an die ihm nahe
stehende Franziska: Was denken Sie denn nun im ganzen von unserm >Don
Giovanni
Ich will, versetzte sie mit Lachen, im Namen meiner Base so gut
antworten, als ich kann: Meine einfltige Meinung ist, da, wenn >Don
Giovanni< nicht aller Welt den Kopf verrckt, so schlgt der liebe
Gott seinen Musikkasten gar zu, auf unbestimmte Zeit, heit das, und
gibt der Menschheit zu verstehen... - Und gibt der Menschheit, fiel
der Onkel verbessernd ein, den Dudelsack in die Hand und verstocket
die Herzen der Leute, da sie anbeten Baalim.

Beht uns Gott! lachte Mozart. Je nun, im Lauf der nchsten
sechzig, siebzig Jahre, nachdem ich lang fort bin, wird mancher
falsche Prophet aufstehen.

Eugenie trat mit dem Baron und Max herbei, die Unterhaltung hob sich
unversehens auf ein neues, ward nochmals ernsthaft und bedeutend, so
da der Komponist, eh die Gesellschaft auseinanderging, sich noch gar
mancher schnen, bezeichnenden uerung erfreute, die seiner Hoffnung
schmeichelte.

Erst lange nach Mitternacht trennte man sich; keines empfand bis
jetzt, wie sehr es der Ruhe bedurfte.

Den andern Tag (das Wetter gab dem gestrigen nichts nach) um zehn Uhr
sah man einen hbschen Reisewagen, mit den Effekten beider Wiener
Gste bepackt, im Schlohof stehen. Der Graf stand mit Mozart davor,
kurz ehe die Pferde herausgefhrt wurden, und fragte, wie er ihm
gefalle.

Sehr gut; er scheint uerst bequem.

Wohlan, so machen Sie mir das Vergngen und behalten Sie ihn zu
meinem Andenken.

Wie? ist das Ernst?

Was wr es sonst?

Heiliger Sixtus und Calixtus - Konstanze! du! rief er zum Fenster
hinauf, wo sie mit den andern heraussah. Der Wagen soll mein sein! Du
fhrst knftig in deinem eigenen Wagen!

Er umarmte den schmunzelnden Geber, betrachtete und umging sein neues
Besitztum von allen Seiten, ffnete den Schlag, warf sich hinein und
rief heraus: Ich dnke mich so vornehm und so reich wie Ritter Gluck!
Was werden sie in Wien fr Augen machen!

- Ich hoffe, sagte die Grfin, Ihr Fuhrwerk wiederzusehn bei der
Rckkehr von Prag, mit Krnzen um und um behangen!

Nicht lang nach diesem letzten frhlichen Auftritt setzte sich der
vielgelobte Wagen mit dem scheidenden Paare wirklich in Bewegung und
fuhr im raschen Trab nach der Landstrae zu. Der Graf lie sie bis
Wittingau fahren, wo Postpferde genommen werden sollten.

Wenn gute, vortreffliche Menschen durch ihre Gegenwart vorbergehend
unser Haus belebten, durch ihren frischen Geistesodem auch unser
Wesen in neuen raschen Schwung versetzten und uns den Segen der
Gastfreundschaft in vollem Mae zu empfinden gaben, so lt ihr
Abschied immer eine unbehagliche Stockung, zum mindesten fr den Rest
des Tags, bei uns zurck, wofern wir wieder ganz nur auf uns selber
angewiesen sind.

Bei unsern Schlobewohnern traf wenigstens das letztere nicht zu.
Franziskas Eltern nebst der alten Tante fuhren zwar alsbald auch weg;
die Freundin selbst indes, der Brutigam, Max ohnehin, verblieben
noch. Eugenien, von welcher vorzugsweise hier die Rede ist, weil sie
das unschtzbare Erlebnis tiefer als alle ergriff, ihr, sollte man
denken, konnte nichts fehlen, nichts genommen oder getrbt sein; ihr
reines Glck in dem wahrhaft geliebten Mann, das erst soeben seine
frmliche Besttigung erhielt, mute alles andre verschlingen,
vielmehr, das Edelste und Schnste, wovon ihr Herz bewegt sein konnte,
mute sich notwendig mit jener seligen Flle in eines verschmelzen.
So wre es auch wohl gekommen, htte sie gestern und heute der bloen
Gegenwart, jetzt nur dem reinen Nachgenu derselben leben knnen.
Allein am Abend schon, bei den Erzhlungen der Frau, war sie von
leiser Furcht fr ihn, an dessen liebenswertem Bild sie sich ergtzte,
geheim beschlichen worden; diese Ahnung wirkte nachher, die ganze
Zeit, als Mozart spielte, hinter allem unsglichen Reiz, durch
alle das geheimnisvolle Grauen der Musik hindurch, im Grund ihres
Bewutseins fort, und endlich berraschte, erschtterte sie das, was
er selbst in der nmlichen Richtung gelegentlich von sich erzhlte.
Es ward ihr so gewi, so ganz gewi, da dieser Mann sich schnell
und unaufhaltsam in seiner eigenen Glut verzehre, da er nur eine
flchtige Erscheinung auf der Erde sein knne, weil sie den berflu,
den er verstrmen wrde, in Wahrheit nicht ertrge.

Dies, neben vielem andern, ging, nachdem sie sich gestern
niedergelegt, in ihrem Busen auf und ab, whrend der Nachhall >Don
Juans< verworren noch lange fort ihr inneres Gehr einnahm. Erst gegen
Tag schlief sie ermdet ein.

Die drei Damen hatten sich nunmehr mit ihren Arbeiten in den Garten
gesetzt, die Mnner leisteten ihnen Gesellschaft, und da das Gesprch
natrlich zunchst nur Mozart betraf, so verschwieg auch Eugenie ihre
Befrchtungen nicht. Keins wollte dieselben im mindesten teilen,
wiewohl der Baron sie vollkommen begriff. Zur guten Stunde, in
recht menschlich reiner, dankbarer Stimmung pflegt man sich jeder
Unglcksidee, die einen gerade nicht unmittelbar angeht, aus allen
Krften zu erwehren. Die sprechendsten, lachendsten Gegenbeweise
wurden, besonders vom Oheim, vorgebracht, und wie gerne hrte nicht
Eugenie alles an! Es fehlte nicht viel, so glaubte sie wirklich, zu
schwarz gesehen zu haben.

Einige Augenblicke spter, als sie durchs groe Zimmer oben ging, das
eben gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war und dessen
vorgezogene, grndamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dmmerlicht
zulieen, stand sie wehmtig vor dem Klaviere still. Durchaus war
es ihr wie ein Traum, zu denken, wer noch vor wenigen Stunden
davorgesessen habe. Lang blickte sie gedankenvoll die Tasten an, die
er zuletzt berhrt, dann drckte sie leise den Deckel zu und zog den
Schlssel ab, in eiferschtiger Sorge, da so bald keine andere Hand
wieder ffne. Im Weggehn stellte sie beilufig einige Liederhefte an
ihren Ort zurck; es fiel ein lteres Blatt heraus, die Abschrift
eines bhmischen Volksliedchens, das Franziska frher, auch wohl
sie selbst, manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darber
betreten zu sein. In einer Stimmung wie die ihrige wird der
natrlichste Zufall leicht zum Orakel. Wie sie es aber auch verstehen
wollte, der Inhalt war derart, da ihr, indem sie die einfachen Verse
wieder durchlas, heie Trnen entfielen.

Ein Tnnlein grnet wo,
Wer wei, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?

Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprngen.

Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!



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