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Ebooks by authors: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z 
Mörike, Eduard Friedrich / Mozart auf der Reise nach Prag
Also erhob
man sich und eilte zum Klavier ins groe Zimmer nebenan.

Ein so reines Entzcken nun auch das kstliche Stck bei allen
erregte, so fhrte doch sein Inhalt selbst, mit einem raschen
bergang, auf den Gipfel geselliger Lust, wo die Musik an und fr sich
nicht weiter in Betracht mehr kommt, und zwar gab zuerst unser Freund
das Signal, indem er vom Klavier aufsprang, auf Franziska zuging
und sie, whrend Max bereitwilligst die Violine ergriff, zu einem
Schleifer persuadierte. Der Hauswirt sumte nicht, Madame Mozart
aufzufordern. Im Nu waren alle beweglichen Mbel, den Raum zu
erweitern, durch geschftige Diener entfernt. Es mute nach und nach
ein jedes an die Tour, und Frulein Tante nahm es keineswegs bel,
da der galante Leutnant sie zu einer Menuett abholte, worin sie sich
vllig verjngte. Schlielich, als Mozart mit der Braut den Kehraus
tanzte, nahm er sein versichertes Recht auf ihren schnen Mund in
bester Form dahin.

Der Abend war herbeigekommen, die Sonne nah am Untergehen, es wurde
nun erst angenehm im Freien, daher die Grfin den Damen vorschlug,
sich im Garten noch ein wenig zu erholen. Der Graf dagegen lud die
Herren auf das Billardzimmer, da Mozart bekanntlich dies Spiel sehr
liebte. So teilte man sich denn in zwei Partien, und wir unsererseits
folgen den Frauen.

Nachdem sie den Hauptweg einigemal gemchlich auf und ab gegangen,
erstiegen sie einen runden, von einem hohen Rebengelnder zur Hlfte
umgebenen Hgel, von wo man in das offene Feld, auf das Dorf und die
Landstrae sah. Die letzten Strahlen der herbstlichen Sonne funkelten
rtlich durch das Weinlaub herein.

Wre hier nicht vertraulich zu sitzen, sagte die Grfin, wenn
Madame Mozart uns etwas von sich und dem Gemahl erzhlen wollte?

Sie war ganz gerne bereit, und alle nahmen hchst behaglich auf den im
Kreis herbeigerckten Sthlen Platz.

Ich will etwas zum Besten geben, das Sie auf alle Flle htten hren
mssen, da sich ein kleiner Scherz darauf bezieht, den ich im Schilde
fhre. Ich habe mir in Kopf gesetzt, der Grfin Braut zur frhlichen
Erinnerung an diesen Tag ein Angebind von sonderlicher Qualitt zu
verehren. Dasselbe ist so wenig Gegenstand des Luxus und der Mode, da
es lediglich nur durch seine Geschichte einigermaen interessieren
kann.

Was mag das sein, Eugenie? sagte Franziska. Zum wenigsten das
Tintenfa eines berhmten Mannes.

Nicht allzu weit gefehlt! Sie sollen es noch diese Stunde sehen;
im Reisekoffer liegt der Schatz. Ich fange an und werde mit Ihrer
Erlaubnis ein wenig weiter ausholen.

Vorletzten Winter wollte mir Mozarts Gesundheitszustand, durch
vermehrte Reizbarkeit und hufige Verstimmung, ein fieberhaftes Wesen,
nachgerade bange machen. In Gesellschaft noch zuweilen lustig, oft
mehr als recht natrlich, war er zu Haus meist trb in sich hinein,
seufzte und klagte. Der Arzt empfahl ihm Dit, Pyrmonter und Bewegung
auerhalb der Stadt. Der Patient gab nicht viel auf den guten Rat; die
Kur war unbequem, zeitraubend, seinem Taglauf schnurstracks entgegen.
Nun machte ihm der Doktor die Hlle etwas hei, er mute eine lange
Vorlesung anhren von der Beschaffenheit des menschlichen Geblts,
von denen Kgelgens darin, vom Atemholen und vom Phlogiston - halt
unerhrte Dinge; auch wie es eigentlich gemeint sei von der Natur mit
Essen, Trinken und Verdauen, das eine Sache ist, worber Mozart bis
dahin ganz ebenso unschuldig dachte wie sein Junge von fnf Jahren.
Die Lektion, in der Tat, machte merklichen Eindruck. Der Doktor war
noch keine halbe Stunde weg, so find ich meinen Mann nachdenklich,
aber mit aufgeheitertem Gesicht, auf seinem Zimmer ber der
Betrachtung eines Stocks, den er in einem Schrank mit alten Sachen
suchte und auch glcklich fand; ich htte nicht gemeint, da er sich
dessen nur erinnerte. Er stammte noch von meinem Vater, ein schnes
Rohr mit hohem Knopf von Lapislazuli. Nie sah man einen Stock in
Mozarts Hand, ich mute lachen.

>Du siehst<, rief er, >ich bin daran, mit meiner Kur mich vllig ins
Geschirr zu werfen. Ich will das Wasser trinken, mir alle Tage Motion
im Freien machen und mich dabei dieses Stabes bedienen. Da sind mir
nun verschiedene Gedanken beigegangen. Es ist doch nicht umsonst,
dacht ich, da andere Leute, was da gesetzte Mnner sind, den Stock
nicht missen knnen. Der Kommerzienrat, unser Nachbar, geht niemals
ber die Strae, seinen Gevatter zu besuchen, der Stock mu mit.
Professionisten und Beamte, Kanzleiherrn, Krmer und Chalanten, wenn
sie am Sonntag mit Familie vor die Stadt spazieren, ein jeder fhrt
sein wohlgedientes, rechtschaffenes Rohr mit sich. Vornehmlich hab ich
oft bemerkt, wie auf dem Stephansplatz, ein Viertelstndchen vor der
Predigt und dem Amt, ehrsame Brger da und dort truppweis beisammen
stehen im Gesprch: hier kann man so recht sehen, wie eine jede
ihrer stillen Tugenden, ihr Flei und Ordnungsgeist, gelaner Mut,
Zufriedenheit sich auf die wackern Stcke gleichsam als eine gute
Sttze lehnt und stemmt. Mit einem Wort, es mu ein Segen und
besonderer Trost in der altvterischen und immerhin etwas
geschmacklosen Gewohnheit liegen. Du magst es glauben oder nicht, ich
kann es kaum erwarten, bis ich mit diesem guten Freund das erste Mal
im Gesundheitspa ber die Brcke nach dem Rennweg promeniere! Wir
kennen uns bereits ein wenig, und ich hoffe, da unsere Verbindung fr
alle Zeit geschlossen ist.<

Die Verbindung war von kurzer Dauer: das dritte Mal, da beide
miteinander aus waren, kam der Begleiter nicht mehr mit zurck.
Ein anderer wurde angeschafft, der etwas lnger Treue hielt, und
jedenfalls schrieb ich der Stockliebhaberei ein gut Teil von der
Ausdauer zu, womit Mozart drei Wochen lang der Vorschrift seines
Arztes ganz ertrglich nachkam. Auch blieben die guten Folgen
nicht aus; wir sahen ihn fast nie so frisch, so hell und von so
gleichmiger Laune. Doch machte er sich leider in kurzem wieder allzu
grn, und tglich hatt ich deshalb meine Not mit ihm. Damals geschah
es nun, da er, ermdet von der Arbeit eines anstrengenden Tages, noch
spt, ein paar neugieriger Reisenden wegen zu einer musikalischen
Soiree ging - auf eine Stunde blo, versprach er mir heilig und teuer;
doch das sind immer die Gelegenheiten, wo die Leute, wenn er nur erst
am Flgel festsitzt und im Feuer ist, seine Gutherzigkeit am mehrsten
mibrauchen; denn da sitzt er alsdann wie das Mnnchen in einer
Montgolfiere, sechs Meilen hoch ber dem Erdboden schwebend, wo man
die Glocken nicht mehr schlagen hrt. Ich schickte den Bedienten
zweimal mitten in der Nacht dahin, umsonst; er konnte nicht zu seinem
Herrn gelangen. Um drei Uhr frh kam dieser denn endlich nach Haus.
Ich nahm mir vor, den ganzen Tag ernstlich mit ihm zu schmollen.

Hier berging Madame Mozart einige Umstnde mit Stillschweigen.
Es war, mu man wissen, nicht unwahrscheinlich, da zu gedachter
Abendunterhaltung auch eine junge Sngerin, Signora Malerbi, kommen
wrde, an welcher Frau Konstanze mit allem Recht rgernis nahm. Diese
Rmerin war durch Mozarts Verwendung bei der Oper angestellt worden,
und ohne Zweifel hatten ihre koketten Knste nicht geringen Anteil
an der Gunst des Meisters. Sogar wollten einige wissen, sie habe ihn
mehrere Monate lang eingezogen und hei genug auf ihrem Rost gehalten.
Ob dies nun vllig wahr sei oder sehr bertrieben, gewi ist, sie
benahm sich nachher frech und undankbar und erlaubte sich selbst
Spttereien ber ihren Wohltter. So war es ganz in ihrer Art, da
sie ihn einst gegenber einem ihrer glcklicheren Verehrer kurzweg un
piccolo grifo raso (ein kleines rasiertes Schweinsrsselchen) nannte.
Der Einfall, einer Circe wrdig, war um so empfindlicher, weil er,
wie man gestehen mu, immerhin ein Krnchen Wahrheit enthielt.* Beim
Nachhausegehen von jener Gesellschaft, bei welcher brigens die
Sngerin zufllig nicht erschienen war, beging ein Freund im bermut
des Weins die Indiskretion, dem Meister dies boshafte Wort zu
verraten. Er wurde schlecht davon erbaut, denn eigentlich war es fr
ihn der erste unzweideutige Beweis von der gnzlichen Herzlosigkeit
seines Schtzlings. Vor lauter Entrstung darber empfand er nicht
einmal sogleich den frostigen Empfang am Bette seiner Frau. In einem
Atem teilte er ihr die Beleidigung mit, und diese Ehrlichkeit lt
wohl auf einen mindern Grad von Schuldbewutsein schlieen. Fast
machte er ihr Mitleid rege. Doch hielt sie geflissentlich an sich, es
sollte ihm nicht so leicht hingehen. Als er von einem schweren Schlaf
kurz nach Mittag erwachte, fand er das Weibchen samt den beiden Knaben
nicht zu Hause, vielmehr suberlich den Tisch fr ihn allein gedeckt.

* Man hat hier ein lteres kleines Profilbild im Auge, das, gut
gezeichnet und gestochen, sich auf dem Titelblatt eines Mozartschen
Klavierwerks befindet, unstreitig das hnlichste von allen auch
neuerdings im Kunsthandel erschienenen Portrts.

Von jeher gab es wenige Dinge, welche Mozart so unglcklich machten,
als wenn nicht alles hbsch eben und heiter zwischen ihm und seiner
guten Hlfte stand. Und htte er nun erst gewut, welche weitere
Sorge sie schon seit mehreren Tagen mit sich herumtrug! - eine der
schlimmsten in der Tat, mit deren Erffnung sie ihn nach alter
Gewohnheit so lange wie mglich verschonte. Ihre Barschaft war
ehestens alle und keine Aussicht auf baldige Einnahme da. Ohne Ahnung
von dieser huslichen Extremitt war gleichwohl sein Herz auf eine Art
beklommen, die mit jenem verlegenen, hilflosen Zustand eine gewisse
hnlichkeit hatte. Er mochte nicht essen, er konnte nicht bleiben.
Geschwind zog er sich vollends an, um nur aus der Stickluft des Hauses
zu kommen. Auf einem offenen Zettel hinterlie er ein paar Zeilen
italienisch: >Du hast mirs redlich eingetrnkt, und geschieht mir
schon recht. Sei aber wieder gut, ich bitte Dich, und lache wieder,
bis ich heimkomme. Mir ist zumut, als mcht ich ein Kartuser und
Trappiste werden, ein rechter Heulochs, sag ich Dir!< - Sofort nahm er
den Hut, nicht aber auch den Stock zugleich; der hatte seine Epoche
passiert.

Haben wir Frau Konstanze bis hieher in der Erzhlung abgelst, so
knnen wir auch wohl noch eine kleine Strecke weiter fortfahren.

Von seiner Wohnung bei der Schranne rechts gegen das Zeughaus
einbiegend, schlenderte der teure Mann - es war ein warmer, etwas
umwlkter Sommernachmittag - nachdenklich lssig ber den sogenannten
Hof und weiter an der Pfarre zu Unsrer Lieben Frau vorbei, dem
Schottentor entgegen, wo er seitwrts zur Linken auf die Mlkerbastei
stieg und dadurch der Ansprache mehrerer Bekannten, die eben zur Stadt
hereinkamen, entging. Nur kurze Zeit geno er hier, obwohl von einer
stumm bei den Kanonen auf und nieder gehenden Schildwache nicht
belstigt, der vortrefflichen Aussicht ber die grne Ebene des
Glacis und die Vorstdte hin nach dem Kahlenberg und sdlich nach
den Steierischen Alpen. Die schne Ruhe der uern Natur widersprach
seinem innern Zustand. Mit einem Seufzer setzte er seinen Gang ber
die Esplanade und sodann durch die Alservorstadt ohne bestimmten
Zielpunkt fort.

Am Ende der Mhringer Gasse lag eine Schenke mit Kegelbahn, deren
Eigentmer, ein Seilermeister, durch seine gute Ware wie durch die
Reinheit seines Getrnks den Nachbarn und Landleuten, die ihr Weg
vorberfhrte, gar wohl bekannt war. Man hrte Kegelschieben, und
brigens ging es bei einer Anzahl von hchstens einem Dutzend Gsten
mig zu. Ein kaum bewuter Trieb, sich unter anspruchslosen,
natrlichen Menschen in etwas zu vergessen, bewog den Musiker zur
Einkehr. Er setzte sich an einen der sparsam von Bumen beschatteten
Tische zu einem Wiener Brunnen-Obermeister und zwei andern
Spiebrgern, lie sich ein Schppchen kommen und nahm an ihrem sehr
alltglichen Diskurs eingehend teil, ging dazwischen umher oder
schaute dem Spiel auf der Kegelbahn zu.

Unweit von der letztern, an der Seite des Hauses, befand .ich der
offene Laden des Seilers, ein schmaler, mit Fabrikaten vollgepfropfter
Raum, weil auer dem, was das Handwerk zunchst lieferte, auch
allerlei hlzernes Kchen-, Keller- und landwirtschaftliches Gert,
angleichen Tran und Wagensalbe, auch weniges von Smereien, Dill
und Kmmel zum Verkauf umherstand oder -hing. Ein Mdchen, das als
Kellnerin die Gste zu bedienen und nebenbei den Laden zu besorgen
hatte, war eben mit einem Bauern beschftigt, welcher, sein Shnlein
an der Hand, herzugetreten war, um einiges zu kaufen, ein Fruchtma,
eine Brste, eine Geiel. Er suchte unter vielen Stcken eines heraus,
prfte es, legte es weg, ergriff ein zweites und drittes und kehrte
unschlssig zum ersten zurck; es war kein Fertigwerden. Das Mdchen
entfernte sich mehrmals der Aufwartung wegen, kam wieder und war
unermdlich, ihm seine Wahl zu erleichtern und annehmlich zu machen,
ohne da sie zu viel darum schwatzte.

Mozart sah und hrte auf einem Bnkchen bei der Kegelbahn diesem allen
mit Vergngen zu. So sehr ihm auch das gute, verstndige Betragen des
Mdchens, die Ruhe und der Ernst in ihren ansprechenden Zgen gefiel,
noch mehr interessierte ihn fr jetzt der Bauer, welcher ihm, nachdem
er ganz befriedigt abgezogen, noch viel zu denken gab. Er hatte
sich vollkommen in den Mann hineinversetzt, gefhlt, wie wichtig
die geringe Angelegenheit von ihm behandelt, wie ngstlich und
gewissenhaft die Preise, bei einem Unterschied von wenig Kreuzern, hin
und her erwogen wurden. Und, dachte er, wenn nun der Mann zu seinem
Weibe heimkommt, ihr seinen Handel rhmt, die Kinder alle passen, bis
der Zwerchsack aufgeht, darin auch was fr sie sein mag; sie aber
eilt, ihm einen Imbi und einen frischen Trunk selbstgekelterten
Obstmost zu holen, darauf er seinen ganzen Appetit verspart hat! Wer
auch so glcklich wre, so unabhngig von den Menschen! ganz nur auf
die Natur gestellt und ihren Segen, wie sauer auch dieser erworben
sein will!

Ist aber mir mit meiner Kunst ein anderes Tagwerk anbefohlen, das ich
am Ende doch mit keinem in der Welt vertauschen wrde: warum mu ich
dabei in Verhltnissen leben, die das gerade Widerspiel von solch
unschuldiger, einfacher Existenz ausmachen? Ein Gtchen wenn du
httest, ein kleines Haus bei einem Dorf in schner Gegend, du
solltest wahrlich neu aufleben! Den Morgen ber fleiig bei deinen
Partituren, die ganze brige Zeit bei der Familie; Bume pflanzen,
deinen Acker besuchen, im Herbst mit den Buben die pfel und die Birn
heruntertun; bisweilen eine Reise in die Stadt zu einer Auffhrung und
sonst, von Zeit zu Zeit ein Freund und mehrere bei dir - welch eine
Seligkeit! Nun ja, wer wei, was noch geschieht!

Er trat vor den Laden, sprach freundlich mit dem Mdchen und
fing an, ihren Kram genauer zu betrachten. Bei der unmittelbaren
Verwandtschaft, welche die meisten dieser Dinge zu jenem idyllischen
Anfluge hatten, zog ihn die Sauberkeit, das Helle, Glatte, selbst der
Geruch der mancherlei Holzarbeiten an. Es fiel ihm pltzlich ein,
verschiedenes fr seine Frau, was ihr nach seiner Meinung angenehm
und nutzbar wre, auszuwhlen. Sein Augenmerk ging zuvrderst auf
Gartenwerkzeug. Konstanze hatte nmlich vor Jahr und Tag auf seinen
Antrieb ein Stckchen Land vor dem Krntner Tor gepachtet und etwas
Gemse darauf gebaut; daher ihm jetzt frs erste ein neuer groer
Rechen, ein kleinerer dito samt Spaten ganz zweckmig schien. Dann
Weiteres anlangend, so macht es seinen konomischen Begriffen alle
Ehre, da er einem ihn sehr appetitlich anlachenden Butterfa nach
kurzer berlegung, wiewohl ungern, entsagte; dagegen ihm ein hohes,
mit Deckel und schn geschnitztem Henkel versehenes Geschirr zu
unmageblichem Gebrauch einleuchtete. Es war aus schmalen Stben von
zweierlei Holz, abwechselnd hell und dunkel, zusammengesetzt, unten
weiter als oben und innen trefflich ausgepicht. Entschieden fr
die Kche empfahl sich eine schne Auswahl Rhrlffel, Wellhlzer,
Schneidbretter und Teller von allen Gren sowie ein Salzbehlter
einfachster Konstruktion zum Aufhngen.

Zuletzt besah er sich noch einen derben Stock, dessen Handhabe
mit Leder und runden Messingngeln gehrig beschlagen war. Da der
sonderbare Kunde auch hier in einiger Versuchung schien, bemerkte die
Verkuferin mit Lcheln, das sei just kein Tragen fr Herren. Du hast
recht, mein Kind, versetzte er, mir deucht, die Metzger auf der
Reise haben solche; weg damit, ich will ihn nicht. Das brige hingegen
alles, was wir da ausgelesen haben, bringst du mir heute oder morgen
ins Haus. Dabei nannte er ihr seinen Namen und die Strae. Er ging
hierauf, um auszutrinken, an seinen Tisch, wo von den dreien nur noch
einer, ein Klempnermeister, sa.

Die Kellnerin hat heut mal einen guten Tag, bemerkte der Mann. Ihr
Vetter lt ihr vom Erls im Laden am Gulden einen Batzen.

Mozart freute sich nun seines Einkaufs doppelt; gleich aber sollte
seine Teilnahme an der Person noch grer werden. Denn als sie wieder
in die Nhe kam, rief ihr derselbe Brger zu: Wie stehts, Kreszenz?
Was macht der Schlosser? Feilt er nicht bald sein eigen Eisen?

O was! erwiderte sie im Weitereilen: selbiges Eisen, schtz ich,
wchst noch im Berg, zuhinterst.

Es ist ein guter Tropf, sagte der Klempner. Sie hat lang ihrem
Stiefvater hausgehalten und ihn in der Krankheit verpflegt, und da er
tot war, kams heraus, da er ihr Eigenes aufgezehrt hatte; zeither
dient sie da ihrem Verwandten, ist alles und alles im Geschft, in
der Wirtschaft und bei den Kindern. Sie hat mit einem braven Gesellen
Bekanntschaft und wrde ihn je eher, je lieber heiraten; das aber hat
so seine Haken.

Was fr? Er ist wohl auch ohne Vermgen?

Sie ersparten sich beide etwas, doch langt es nicht gar. Jetzt kommt
mit nchstem drinnen ein halber Hausteil samt Werkstatt in Gant;
dem Seiler wrs ein leichtes, ihnen vorzuschieen, was noch zum
Kaufschilling fehlt, allein er lt die Dirne natrlich nicht gern
fahren. Er hat gute Freunde im Rat und bei der Zunft, da findet der
Geselle nun allenthalben Schwierigkeiten.

Verflucht! - fuhr Mozart auf, so da der andere erschrak und sich
umsah, ob man nicht horche. Und da ist niemand, der ein Wort nach dem
Recht darein sprche? den Herren eine Faust vorhielte? Die Schufte,
die! Wart nur, man kriegt euch noch beim Wickel!

Der Klempner sa wie auf Kohlen. Er suchte das Gesagte auf eine
ungeschickte Art zu mildern; beinahe nahm er es vllig zurck. Doch
Mozart hrte ihn nicht an. Schmt Euch, wie Ihr nun schwatzt. So
machts ihr Lumpen allemal, sobald es gilt, mit etwas einzustehen.
- Und hiemit kehrte er dem Hasenfu ohne Abschied den Rcken. Der
Kellnerin, die alle Hnde voll zu tun hatte mit neuen Gsten, raunte
er nur im Vorbeigehen zu: Komme morgen beizeiten, gre mir deinen
Liebsten; ich hoffe, da eure Sache gut geht. Sie stutzte nur und
hatte weder Zeit noch Fassung, ihm zu danken.

Geschwinder als gewhnlich, weil der Auftritt ihm das Blut etwas in
Wallung brachte, ging er vorerst denselben Weg, den er gekommen, bis
an das Glacis, auf welchem er dann langsamer mit einem Umweg, im
weiten Halbkreis um die Wlle wandelte. Ganz mit der Angelegenheit des
armen Liebespaars beschftigt, durchlief er in Gedanken eine Reihe
seiner Bekannten und Gnner, die auf die eine oder andere Weise in
diesem Fall etwas vermochten. Da indessen, bevor er sich irgend zu
einem Schritt bestimmte, noch nhere Erklrungen von seiten des
Mdchens erforderlich waren, beschlo er, diese ruhig abzuwarten, und
war nunmehr, mit Herz und Sinn den Fen vorauseilend, bei seiner Frau
zu Hause.

Mit innerer Gewiheit zhlte er auf einen freundlichen, ja frhlichen
Willkommen, Ku und Umarmung schon auf der Schwelle, und Sehnsucht
verdoppelte seine Schritte beim Eintritt in das Krntner Tor. Nicht
weit davon ruft ihn der Posttrger an, der ihm ein kleines, doch
gewichtiges Paket bergibt, worauf er eine ehrliche und akkurate Hand
augenblicklich erkennt. Er tritt mit dem Boten, um ihm zu quittieren,
in den nchsten Kaufladen; dann, wieder auf der Strae, kann er sich
nicht bis in sein Haus gedulden; er reibt die Siegel auf, halb gehend,
halb stehend verschlingt er den Brief Ich sa߫, fuhr Madame Mozart
hier in der Erzhlung bei den Damen fort, am Nhtisch, hrte meinen
Mann die Stiege heraufkommen und den Bedienten nach mir fragen. Sein
Tritt und seine Stimme kam mir beherzter, aufgerumter vor, als ich
erwartete und als mir wahrhaftig angenehm war. Erst ging er auf sein
Zimmer, kam aber gleich herber. >Guten Abend!< sagt' er; ich, ohne
aufzusehen, erwiderte ihm kleinlaut. Nachdem er die Stube ein paarmal
stillschweigend gemessen, nahm er unter erzwungenem Ghnen die
Fliegenklatsche hinter der Tr, was ihm noch niemals eingefallen
war, und murmelte vor sich hin: >Wo nur die Fliegen gleich wieder
herkommen!< - fing an zu patschen da und dort, und zwar so stark wie
mglich. Dies war ihm stets der unleidlichste Ton, den ich in seiner
Gegenwart nie hren lassen durfte. Hm, dacht ich, da doch, was man
selber tut, zumal die Mnner, ganz etwas anderes ist! brigens hatte
ich so viele Fliegen gar nicht wahrgenommen. Sein seltsames Betragen
verdro mich wirklich sehr. >Sechse auf einen Schlag!< rief er;
>willst du sehen?< - Keine Antwort. - Da legte er mir etwas aufs
Nhkissen hin, da ich es sehen mute, ohne ein Auge von meiner Arbeit
zu verwenden. Es war nichts Schlechteres als ein Hufchen Gold, soviel
man Dukaten zwischen zwei Finger nimmt. Er setzte seine Possen hinter
meinem Rcken fort, tat hin und wieder einen Streich und sprach dabei
fr sich: >Das fatale, unntze, schamlose Gezcht! Zu was Zweck es
nur eigentlich auf der Welt ist - patsch! - offenbar blo, da mans
totschlage - pitsch - darauf verstehe ich mich einigermaen, darf ich
behaupten. - Die Naturgeschichte belehrt uns ber die erstaunliche
Vermehrung dieser Geschpfe - pitsch patsch -: in meinem Hause wird
immer sogleich damit aufgerumt. Ah maledette! disperate! - Hier
wieder ein Stck zwanzig. Magst du sie?< - Er kam und tat wie vorhin.
Hatte ich bisher mit Mhe das Lachen unterdrckt, lnger war es
unmglich, ich platzte heraus, er fiel mir um den Hals, und beide
kicherten und lachten wir um die Wette.

>Woher kommt dir denn aber das Geld?< frag ich. whrend da er den
Rest aus dem Rllelchen schttelt. - >Vom Frsten Esterhazy! durch den
Haydn! Lies nur den Brief.< - Ich las:

>Eisenstadt usw. Teuerster Freund! Seine Durchlaucht, mein gndigster
Herr, hat mich zu meinem gresten Vergngen damit betraut, Ihnen
beifolgende sechzig Dukaten zu bermachen. Wir haben letzt Ihre
Quartetten wieder ausgefhrt, und Seine Durchlaucht waren solchermaen
davon eingenommen und befriedigt, als bei dem ersten Mal, vor einem
Vierteljahre, kaum der Fall gewesen. Der Frst bemerkte mir (ich mu
es wrtlich schreiben): als Mozart Ihnen diese Arbeit dedizierte, hat
er geglaubt, nur Sie zu ehren, doch kanns ihm nichts verschlagen, wenn
ich zugleich ein Kompliment fr mich darin erblicke. Sagen Sie ihm,
ich denke von seinem Genie bald so gro wie Sie selbst, und mehr knn
er in Ewigkeit nicht verlangen. - Amen! setz ich hinzu. Sind Sie
zufrieden?

Postskript. Der lieben Frau ins Ohr: Sorgen Sie gtigst, da die
Danksagung nicht aufgeschoben werde. Am besten geschh es persnlich.
Wir mssen so guten Wind fein erhalten.<

>Du Engelsmann! o himmlische Seele!< rief Mozart ein bers andere Mal,
und es ist schwer zu sagen, was ihn am meisten freute, der Brief oder
des Frsten Beifall oder das Geld. Was mich betrifft, aufrichtig
gestanden, mir kam das letztere gerade damals hchst gelegen. Wir
feierten noch einen sehr vergngten Abend.

Von der Affre in der Vorstadt erfuhr ich jenen Tag noch nichts,
die folgenden ebensowenig, die ganze nchste Woche verstrich, keine
Kreszenz erschien, und mein Mann, in einem Strudel von Geschften,
verga die Sache bald. Wir hatten an einem Sonnabend Gesellschaft;
Hauptmann Wesselt, Graf Hardegg und andere musizierten. In einer Pause
werde ich hinausgerufen - da war nun die Bescherung! Ich geh hinein
und frage: >Hast du Bestellung in der Alservorstadt auf allerlei
Holzware gemacht?< - >Potz Hagel, ja! Ein Mdchen wird da sein? La
sie nur hereinkommen< - So trat sie denn in grter Freundlichkeit,
einen vollen Korb am Arm, mit Rechen und Spaten ins Zimmer,
entschuldigte ihr langes Ausbleiben, sie habe den Namen der Gasse
nicht mehr gewut und sich erst heut zurechtgefragt. Mozart nahm ihr
die Sachen nacheinander ab, die er sofort mit Selbstzufriedenheit
mir berreichte. Ich lie mir herzlich dankbar alles und jedes
wohlgefallen, belobte und pries, nur nahm es mich wunder, wozu er das
Gartengerte gekauft. - >Natrlich<, sagt' er, >fr dein Stckchen an
der Wien.< - >Mein Gott, das haben wir ja aber lange abgegeben! weil
uns das Wasser immer so viel Schaden tat und berhaupt gar nichts
dabei herauskam. Ich sagte dirs, du hattest nichts dawider.< - >Was?
Und also die Spargeln, die wir dies Frhjahr speisten...< - >Waren
immer vom Markt.< - >Seht<, sagt' er, >htt ich das gewut! Ich lobte
sie dir so aus bloer Artigkeit, weil du mich wirklich dauerst mit
deiner Grtnerei; es waren Dingerl wie die Federspulen.<

Die Herrn belustigte der Spa beraus; ich mute einigen sogleich das
berflssige zum Andenken lassen. Als aber Mozart nun das Mdchen ber
ihr Heiratsanliegen ausforschte, sie ermunterte, hier nur ganz frei
zu sprechen, da das, was man fr sie und ihren Liebsten tun wrde, in
der Stille, glimpflich und ohne jemandes Anklagen solle ausgerichtet
werden, so uerte sie sich gleichwohl mit so viel Bescheidenheit,
Vorsicht und Schonung, da sie alle Anwesenden vllig gewann und man
sie endlich mit den besten Versprechungen entlie.

>Den Leuten mu geholfen werden!< sagte der Hauptmann. >Die
Innungskniffe sind das wenigste dabei; hier wei ich einen, der das
bald in Ordnung bringen wird. Es handelt sich um einen Beitrag fr das
Haus, Einrichtungskosten und dergleichen. Wie, wenn wir ein Konzert
fr Freunde im Trattnerischen Saal mit Entree ad libitum ankndigten?<
Der Gedanke fand lebhaften Anklang. Einer der Herrn ergriff das
Salzfa und sagte: >Es mte jemand zur Einleitung einen hbschen
historischen Vortrag tun, Herrn Mozarts Einkauf schildern, seine
menschenfreundliche Absicht erklren, und hier das Prachtgef stellt
man auf einem Tisch als Opferbchse auf, die beiden Rechen als
Dekoration rechts und links dahinter gekreuzt.<

Dies nun geschah zwar nicht, hingegen das Konzert kam zustande; es
warf ein Erkleckliches ab, verschiedene Beitrge folgten nach, da das
beglckte Paar noch berschu hatte, und auch die andern Hindernisse
waren schnell beseitigt. Duscheks in Prag, unsre genausten Freunde
dort, bei denen wir logieren, vernahmen die Geschichte, und _sie_,
eine gar gemtliche, herzige Frau, verlangte von dem Kram aus
Kuriositt auch etwas zu haben; so legt ich denn das Passendste fr
sie zurck und nahm es bei dieser Gelegenheit mit. Da wir inzwischen
unverhofft eine neue liebe Kunstverwandte finden sollten, die nah
daran ist, sich den eigenen Herd einzurichten, und ein Stck gemeinen
Hausrat, welches Mozart ausgewhlt, gewilich nicht verschmhen wird,
will ich mein Mitbringen halbieren, und Sie haben die Wahl zwischen
einem schn durchbrochenen Schokoladequirl und mehrgedachter
Salzbchse, an welcher sich der Knstler mit einer geschmackvollen
Tulpe verunkstigt hat. Ich wrde unbedingt zu diesem Stck raten;
das edle Salz, soviel ich weis, ist ein Symbol der Huslichkeit und
Gastlichkeit, wozu wir alle guten Wnsche fr Sie legen wollen.

So weit Madame Mozart. Wie dankbar und wie heiter alles von den Damen
auf- und angenommen wurde, kann man denken. Der Jubel erneuerte sich,
als gleich darauf bei den Mnnern oben die Gegenstnde vorgelegt und
das Muster patriarchalischer Simplizitt nun frmlich bergeben ward,
welchem der Oheim in dem Silberschranke seiner nunmehrigen Besitzerin
und ihrer sptesten Nachkommen keinen geringern Platz versprach, als
jenes berhmte Kunstwerk des florentinischen Meisters in der Ambraser
Sammlung einnehme.

Es war schon fast acht Uhr; man nahm den Tee. Bald aber sah sich unser
Musiker an sein schon am Mittag gegebenes Wort, die Gesellschaft nher
mit dem >Hllenbrand< bekannt zu machen, der unter Schlo und Riegel,
doch zum Glck nicht allzu tief im Reisekoffer lag, dringend erinnert.
Er war ohne Zgern bereit. Die Auseinandersetzung der Fabel des Stcks
hielt nicht lange auf, das Textbuch wurde aufgeschlagen, und schon
brannten die Lichter am Fortepiano.

Wir wnschten wohl, unsere Leser streifte hier zum wenigsten etwas
von jener eigentmlichen Empfindung an, womit oft schon ein einzeln
abgerissener, aus einem Fenster beim Vorbergehen an unser Ohr
getragener Akkord, der nur von dorther kommen kann, uns wie elektrisch
trifft und wie gebannt festhlt; etwas von jener sen Bangigkeit,
wenn wir in dem Theater, solange das Orchester stimmt, dem Vorhang
gegenbersitzen. Oder ist es nicht so? Wenn auf der Schwelle jedes
erhabenen tragischen Kunstwerks, es heie >Macbeth<, >dipus< oder
wie sonst, ein Schauer der ewigen Schnheit schwebt, wo trfe dies
in hherem, auch nur in gleichem Mae zu als eben hier? Der Mensch
verlangt und scheut zugleich, aus seinem gewhnlichen Selbst
vertrieben zu werden, er fhlt, das Unendliche wird ihn berhren,
das seine Brust zusammenzieht, indem es sie ausdehnen und den Geist
gewaltsam an sich reien will. Die Ehrfurcht vor der vollendeten Kunst
tritt hinzu; der Gedanke, ein gttliches Wunder genieen, es als ein
Verwandtes in sich aufnehmen zu drfen, zu knnen, fhrt eine Art
von Rhrung, ja von Stolz mit sich, vielleicht den glcklichsten und
reinsten, dessen wir fhig sind.

Unsre Gesellschaft aber hatte damit, da sie ein uns von Jugend auf
vllig zu eigen gewordenes Werk jetzt erstmals kennen lernen sollte,
einen von unserem Verhltnis unendlich verschiedenen Stand, und, wenn
man das beneidenswerte Glck der persnlichen Vermittlung durch den
Urheber abrechnet, bei weitem nicht den gnstigen wie wir, da eine
reine und vollkommene Auffassung eigentlich niemand mglich war, auch
in mehr als einem Betracht selbst dann nicht mglich gewesen sein
wrde, wenn das Ganze unverkrzt htte mitgeteilt werden knnen.

Von achtzehn fertig ausgearbeiteten Nummern* gab der Komponist
vermutlich nicht die Hlfte; (wir finden in dem unserer Darstellung
zugrunde liegenden Bericht nur das letzte Stck dieser Reihe, das
Sextett, ausdrcklich angefhrt) - er gab sie meistens, wie es
scheint, in einem freien Auszug, blo auf dem Klavier, und sang
stellenweise darein, wie es kam und sich schickte. Von der Frau ist
gleichfalls nur bemerkt, da sie zwei Arien vorgetragen habe. Wir
mchten uns, da ihre Stimme so stark als lieblich gewesen sein soll,
die erste der Donna Anna (>Du kennst den Verrter<) und eine von den
beiden der Zerline dabei denken.

* Bei dieser Zhlung ist zu wissen, da Elviras Arie mit dem Rezitativ
und Leporellos >Habs verstanden< nicht ursprnglich in der Oper
enthalten gewesen.

Genau genommen waren, dem Geist, der Einsicht, dem Geschmacke nach,
Eugenie und ihr Verlobter die einzigen Zuhrer, wie der Meister sie
sich wnschen mute, und jene war es sicher ungleich mehr als dieser.
Sie saen beide tief im Grunde des Zimmers; das Frulein regungslos,
wie eine Bildsule, und in die Sache aufgelst auf einen solchen Grad,
da sie auch in den kurzen Zwischenrumen, wo sich die Teilnahme der
brigen bescheiden uerte oder die innere Bewegung sich unwillkrlich
mit einem Ausruf der Bewunderung Luft machte, die von dem Brutigam an
sie gerichteten Worte immer nur ungengend zu erwidern vermochte.

Als Mozart mit dem berschwenglich schnen Sextett geschlossen hatte
und nach und nach ein Gesprch aufkam, schien er vornehmlich einzelne
Bemerkungen des Barons mit Interesse und Wohlgefallen aufzunehmen. Es
wurde vom Schlusse der Oper die Rede sowie von der vorlufig auf den
Anfang Novembers anberaumten Auffhrung, und da jemand meinte, gewisse
Teile des Finale mchten noch eine Riesenaufgabe sein, so lchelte der
Meister mit einiger Zurckhaltung; Konstanze aber sagte zu der Grfin
hin, da er es hren mute: Er hat noch was in petto, womit er geheim
tut, auch vor mir.

Du fllst, versetzte er, aus deiner Rolle, Schatz, da du das jetzt
zur Sprache bringst; wenn ich nun Lust bekme, von neuem anzufangen?
Und in der Tat, es juckt mich schon.

Leporello! rief der Graf, lustig aufspringend, und winkte einem
Diener: Wein! Sillery, drei Flaschen!

Nicht doch! damit ist es vorbei - mein Junker hat sein Letztes im
Glase.

Wohl bekomms ihm - und jedem das Seine!

Mein Gott, was hab ich da gemacht! lamentierte Konstanze, mit einem
Blick auf die Uhr, gleich ist es elfe, und morgen frh solls fort -
wie wird das gehen?

Es geht halt gar nicht, Beste! nur schlechterdings gar nicht.

Manchmal, fing Mozart an, kann sich doch ein Ding sonderbar fgen.
Was wird denn meine Stanzl sagen, wenn sie erfhrt, da eben das Stck
Arbeit, was sie nun hren soll, um eben diese Stunde in der Nacht, und
zwar gleichfalls vor einer angesetzten Reise, zur Welt geboren ist?

Wrs mglich? Wann? Gewi vor drei Wochen, wie du nach Eisenstadt
wolltest!

Getroffen! Und das begab sich so. Ich kam nach zehne, du schliefst
schon fest, von Richters Essen heim und wollte versprochenermaen
auch blder zu Bett, um morgens beizeiten heraus und in den Wagen zu
steigen. Inzwischen hatte Veit, wie gewhnlich, die Lichter auf dem
Schreibtisch angezndet, ich zog mechanisch den Schlafrock an, und
fiel mir ein, geschwind mein letztes Pensum noch einmal anzusehen.
Allein, o Migeschick! verwnschte, ganz unzeitige Geschftigkeit der
Weiber! du hattest aufgerumt, die Noten eingepackt die muten nmlich
mit: der Frst verlangte eine Probe von dem Opus; - ich suchte,
brummte, schalt, umsonst! Darber fllt mein Blick auf ein
versiegeltes Kuvert: vom Abbate, den greulichen Haken nach auf der
Adresse - ja wahrlich! und schickt mir den umgearbeiteten Rest seines
Textes, den ich vor Monatsfrist noch nicht zu sehen hoffte. Sogleich
sitz ich begierig hin und lese und bin entzckt, wie gut der Kauz
verstand, was ich wollte. Es war alles weit simpler, gedrngter und
reicher zugleich. Sowohl die Kirchhofsszene wie das Finale, bis zum
Untergang des Helden, hat in jedem Betracht sehr gewonnen. (Du sollst
mir aber auch, dacht ich, vortrefflicher Poet, Himmel und Hlle nicht
unbedankt zum zweiten Mal beschworen haben!) Nun ist es sonst meine
Gewohnheit nicht, in der Komposition etwas vorauszunehmen, und wenn
es noch so lockend wre; das bleibt eine Unart, die sich sehr bel
bestrafen kann. Doch gibt es Ausnahmen, und kurz, der Auftritt bei
der Reiterstatue des Gouverneurs, die Drohung, die vom Grabe des
Erschlagenen her urpltzlich das Gelchter des Nachtschwrmers
haarstrubend unterbricht, war mir bereits in die Krone gefahren.
Ich griff einen Akkord und fhlte, ich hatte an der rechten Pforte
angeklopft, dahinter schon die ganze Legion von Schrecken beieinander
liege, die im Finale loszulassen sind. So kam frs erste ein Adagio
heraus: d-moll, vier Takte nur, darauf ein zweiter Satz mit fnfen -
es wird, bild ich mir ein, auf dem Theater etwas Ungewhnliches geben,
wo die strksten Blasinstrumente die Stimme begleiten. Einstweilen
hren Sie's, so gut es sich hier machen lt.

Er lschte ohne weiteres die Kerzen der beiden neben ihm stehenden
Armleuchter aus, und jener furchtbare Choral: >Dein Lachen endet vor
der Morgenrte!< erklang durch die Totenstille des Zimmers. Wie von
entlegenen Sternenkreisen fallen die Tne aus silbernen Posaunen,
eiskalt, Mark und Seele durchschneidend, herunter durch die blaue
Nacht.

>Wer ist hier? Antwort!< hrt man Don Juan fragen. Da hebt es wieder
an, eintnig wie zuvor, und gebietet dem ruchlosen Jngling, die Toten
in Ruhe zu lassen.

Nachdem diese drhnenden Klnge bis auf die letzte Schwingung in
der Luft verhallt waren, fuhr Mozart fort: Jetzt gab es fr mich
begreiflicherweise kein Aufhren mehr. Wenn erst das Eis einmal an
einer Uferstelle bricht, gleich kracht der ganze See und klingt bis an
den entferntesten Winkel hinunter. Ich ergriff unwillkrlich denselben
Faden weiter unten bei Don Juans Nachtmahl wieder, wo Donna Elvira
sich eben entfernt hat und das Gespenst, der Einladung gem,
erscheint. - Hren Sie an.

Es folgte nun der ganze lange, entsetzenvolle Dialog, durch welchen
auch der Nchternste bis an die Grenze menschlichen Vorstellens, ja
ber sie hinaus gerissen wird, wo wir das bersinnliche schauen und
hren und innerhalb der eigenen Brust von einem uersten zum andern
willenlos uns hin und her geschleudert fhlen.

Menschlichen Sprachen schon entfremdet, bequemt sich das unsterbliche
Organ des Abgeschiedenen, noch einmal zu reden. Bald nach der ersten
frchterlichen Begrung, als der Halbverklrte die ihm gebotene
irdische Nahrung verschmht, wie seltsam schauerlich wandelt seine
Stimme auf den Sprossen einer luftgewebten Leiter unregelmig auf und
nieder! Er fordert schleunigen Entschlu zur Bue: kurz ist dem Geist
die Zeit gemessen; weit, weit, weit ist der Weg! Und wenn nun Don
Juan, im ungeheuren Eigenwillen den ewigen Ordnungen trotzend, unter
dem wachsenden Andrang der hllischen Mchte, ratlos ringt, sich
strubt und windet und endlich untergeht, noch mit dem vollen Ausdruck
der Erhabenheit in jeder Gebrde - wem zitterten nicht Herz und Nieren
vor Lust und Angst zugleich? Es ist ein Gefhl, hnlich dem, womit man
das prchtige Schauspiel einer unbndigen Naturkraft, den Brand eines
herrlichen Schiffes anstaunt. Wir nehmen wider Willen gleichsam
Partei fr diese blinde Gre und teilen knirschend ihren Schmerz im
reienden Verlauf ihrer Selbstvernichtung.

Der Komponist war am Ziele. Eine Zeit lang wagte niemand, das
allgemeine Schweigen zuerst zu brechen. Geben Sie uns, fing endlich,
mit noch beklemmtem Atem, die Grfin an, geben Sie uns, ich bitte
Sie, einen Begriff, wie Ihnen war, da Sie in jener Nacht die Feder
weglegten!

Er blickte, wie aus einer stillen Trumerei ermuntert, helle zu ihr
auf, besann sich schnell und sagte, halb zu der Dame, halb zu seiner
Frau: Nun ja, mir schwankte wohl zuletzt der Kopf. Ich hatte dies
verzweifelte Dibattimento bis zu dem Chor der Geister, in einer Hitze
fort, beim offenen Fenster, zu Ende geschrieben und stand nach einer
kurzen Rast vom Stuhl auf, im Begriff, nach deinem Kabinett zu gehen,
damit wir noch ein bichen plaudern und sich mein Blut ausgleiche. Da
machte ein berquerer Gedanke mich mitten im Zimmer still stehen.
(Hier sah er zwei Sekunden lang zu Boden, und sein Ton verriet beim
Folgenden eine kaum merkbare Bewegung.) Ich sagte zu mir selbst: wenn
du noch diese Nacht wegstrbest und mtest deine Partitur an diesem
Punkt verlassen: ob dirs auch Ruh im Grabe lie'? - Mein Auge hing am
Docht des Lichts in meiner Hand und auf den Bergen von abgetropftem
Wachs. Ein Schmerz bei dieser Vorstellung durchzckte mich einen
Moment; dann dacht ich weiter: wenn denn hernach ber kurz oder lang
ein anderer, vielleicht gar so ein Welscher, die Oper zu vollenden
bekme und fnde von der Introduktion bis Numero siebzehn, mit
Ausnahme _einer_ Piece, alles sauber beisammen, lauter gesunde, reife
Frchte ins hohe Gras geschttelt, da er sie nur auflesen drfte;
ihm graute aber doch ein wenig hier vor der Mitte des Finale, und er
fnde alsdann unverhofft den tchtigen Felsbrocken da insoweit schon
beiseite gebracht: er mchte drum nicht bel in das Fustchen lachen!
Vielleicht wr er versucht, mich um die Ehre zu betrgen. Er sollte
aber wohl die Finger dran verbrennen; da wr noch immerhin ein
Huflein guter Freunde, die meinen Stempel kennen und mir, was mein
ist, redlich sichern wrden. - Nun ging ich, dankte Gott mit einem
vollen Blick hinauf und dankte, liebes Weibchen, deinem Genius, der
dir solange seine beiden Hnde sanft ber die Stirne gehalten, da
du fortschliefst wie eine Ratze und mich kein einzig Mal anrufen
konntest. Wie ich dann aber endlich kam und du mich um die Uhr
befrugst, log ich dich frischweg ein paar Stunden jnger, als du
warst, denn es ging stark auf viere. Und nun wirst du begreifen, warum
du mich um sechse nicht aus den Federn brachtest, der Kutscher wieder
heimgeschickt und auf den andern Tag bestellt werden mute.

Natrlich! versetzte Konstanze, nur bilde sich der schlaue Mann
nicht ein, man sei so dumm gewesen, nichts zu merken!



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