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Flaubert, Gustave / Frau Bovary
Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
Distributed Proofreading Team.





Frau Bovary

von

Gustave Flaubert




Erstes Buch




Erstes Kapitel


Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein
»Neuer«, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den beiden,
Schulstubengerät in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von
ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien
aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf.

Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer.

»Herr Roger!« lispelte er. »Diesen neuen Zögling hier empfehle ich
Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta. Bei löblichem
Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er
seinem Alter nach gehört.«

Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man konnte
ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge,
so ungefähr fünfzehn Jahre alt und größer als alle andern. Die
Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein
Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er
höchst verlegen. So schmächtig er war, beengte ihn sein grüner
Tuchrock mit schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den
Schlitz in den Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke
hervor, die zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte
gelbbraune, durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an und
blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und
mit Nägeln beschlagen.

Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte
aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht
einmal wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den
Ellenbogen aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete,
mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den
andern anschloß.

Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer
die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. Es kam
darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter die richtige
Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen Staubwolke laut
aufklatschte. Das war so Schuljungenart.

Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder daß er
nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das
Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch immer vor
sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von
Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Bärenmütze,
andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an
ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit einem Worte: an allerlei
armselige Dinge, deren stumme Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie
das Gesicht eines Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und
Fischbeinstäbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah
man drei runde Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band
getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art
Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter
Schnurenstickerei krönte und von dem herab an einem ziemlich
dünnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung
war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte.

»Steh auf!« befahl der Lehrer.

Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die
ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das Mützenungetüm
aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem Ellenbogen daran, so daß es
wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bücken.

»Leg doch deinen Helm weg!« sagte der Lehrer, ein Witzbold.

Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen Jungen
gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich gar nicht, ob er
seinen »Helm« in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen
lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mütze
über seine Knie.

»Steh auf!« wiederholte der Lehrer, »und sag mir deinen Namen!«

Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her.

»Noch mal!«

Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem Gelächter der
Klasse übertönt.

»Lauter!« rief der Lehrer. »Lauter!«

Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit auf
und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte,
das Wort von sich: »Kabovary!«

Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; dazwischen gellten
Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder und wieder: »Kabovary!
Kabovary!« Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes
Brummen, kam mühsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen
heimlich weiter, um da und dort plötzlich als halbersticktes
Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlöschen
immer wieder noch ein paar Funken sprüht.

Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in
der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer,
den Namen »Karl Bovary« festzustellen, nachdem er sich ihn hatte
diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen
wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf
die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte
den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als
er bereits wieder stehen blieb.

»Was suchst du?« fragte der Lehrer.

»Meine Mü...«, sagte er schüchtern, indem er mit scheuen Blicken
Umschau hielt.

»Fünfhundert Verse die ganze Klasse!«

Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte wütend
ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.

»Ich bitte mir Ruhe aus!« fuhr der empörte Schulmeister fort,
während er sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirne
trocknete. »Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den
Satz auf: Ridiculus sum!« Sein Zorn ließ nach. »Na, und deine
Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen.«

Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und
der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung,
obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte
kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal
mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen
aufzuschlagen.

Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem
Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich
sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im Wörterbuche nach
und gab sich viel Mühe. Zweifellos verdankte er es dem großen
Fleiße, den er an den Tag legte, daß man ihn nicht in der Quinta
zurückbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte,
so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer
seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht,
und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur
möglich auf das Gymnasium geschickt worden.

Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er
hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen
lassen, worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr
seine körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte sich im
Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in
der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das
Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war ein
Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte,
Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller Ringe hatte und in
seiner Kleidung auffällige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum
besaß er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er
verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau
zu leben, aß und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein
und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr
spät heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehäusern herumgetrieben
hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterließ, war
Bovary empört darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld
dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land zurück,
wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er verstand von der
Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt
lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur Arbeit einspannen
ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in
Fässern zu verkaufen, ließ das fetteste Geflügel in den eignen
Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine
seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, daß
es am tunlichsten für ihn sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr
einzulassen.

Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe
im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, halb
Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück,
fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig
und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er
sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben.

Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem
heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie sich
abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch und nervös
geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer
wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und
abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu
ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst mächtig geregt,
aber schließlich schwieg sie, würgte ihren Grimm in stummem
Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten
Stündlein. Sie war unablässig tätig und immer auf dem Posten. Sie
war es, die zu den Anwälten und Behörden ging. Sie wußte, wenn
Wechsel fällig waren; sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte
alle Hausarbeiten, nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und
führte die Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts
kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher Schläfrigkeit nicht
herauskam und sich höchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige
Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab
und zu in die Asche.

Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; und
als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche Geschöpf
grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit Zuckerzeug. Der
Vater ließ es barfuß herumlaufen und meinte höchst weise
obendrein, der Kleine könne eigentlich ganz nackt gehen wie die
Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter
hatte er sich ein bestimmtes männliches Erziehungsideal in den
Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mühe gab.
Er sollte rauh angefaßt werden wie ein junger Spartaner, damit er
sich tüchtig abhärte. Er mußte in einem ungeheizten Zimmer
schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den
»kirchlichen Klimbim« schimpfen. Aber der Kleine war von
friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die
Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm
Pappfiguren aus und erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit
ihm in endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger
Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. In ihrer
Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre
eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im Traume sah sie
ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als Beamten beim
Straßen- und Brückenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn
Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besaß,
das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten
Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei bloß schade
um die Mühe; sie hätten doch niemals die Mittel, den Jungen auf
eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft
zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary
schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief
mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste
Beeren an den Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und
durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem
Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu dürfen. Dann
hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der großen
Glocke und ließ sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine
Lilie auf dem Felde, bekam kräftige Glieder und frische Farben.

Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch,
daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim
Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmäßig, daß
sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der
Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der
Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den
Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte
auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler nach dem Ave-Maria zu
sich holen. Die beiden saßen dann oben im Stübchen. Mücken und
Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, daß
der Junge schläfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da
schnarchte der biedere Pfarrer, die Hände über dem Schmerbauche
gefaltet. Es kam auch vor, daß der Seelensorger auf dem Heimwege
von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl
gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann
rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstündige Strafpredigt und
benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine
Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den
Unterricht störte, oder irgendein Bekannter, der vorüberging.
Übrigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja
er meinte sogar, der »junge Mann« habe ein gar treffliches
Gedächtnis.

So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und
ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber
schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch
ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.

Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde
Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater
brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.

Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch
deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer
Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den
Arbeitsstunden eifrig lernte, während des Unterrichts aufmerksam
dasaß, im Schlafsaal vorschriftsmäßig schlief und bei den
Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule
war ein Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller
vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschluß.
Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und
brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das
Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an
seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten
zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine
Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von
Barthelemys »Reise des jungen Anacharsis«, das im Arbeitssaal
herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls
vom Lande war.

Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der
Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der
Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn
seine Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren.
Sie waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen
schon durchwürgen würde.

Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der
Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten
Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung
ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch und zwei
Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus
Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein
Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer
Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder
heim, nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja
hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein
auf sich selbst angewiesen sei.

Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der
medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen
und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen,
von Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik,
Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen
Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft er sich
nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle
Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.

Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen
war, er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb fleißig
nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er
erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom,
der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was
für ein Geschäft er eigentlich verrichtet.

Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine Mutter
allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück Kalbsbraten. Das war
sein Frühstück, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach
Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn
er mußte alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder
Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straßen hindurch. Abends nahm
er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher
ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbücher,
oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des
kleinen Ofens zu dampfen begannen.

An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer wurden und
die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball spielten, öffnete er sein
Fenster und sah hinaus. Unten floß der Fluß vorüber, der aus
diesem Viertel von Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine
gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den
Wehren und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die
Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang
hervorragten, trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft.
Gegenüber, hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel
mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen im
Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief
Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar
nicht bis zu ihm drang.

Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam
einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward
träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorsätzen
mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die Klinik, morgen ein
Kolleg, und allmählich fand er Genuß am Faulenzen und ging gar
nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein
passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen
Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem
Marmortische zu klappern, das dünkte ihn der höchste Grad von
Freiheit zu sein, und das stärkte ihm sein Selbstbewußtsein. Es
war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmännischen Lebens,
dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine
Hand mit geradezu sinnlichem Vergnügen auf die Türklinke. Eine
Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrückt worden waren,
gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer
auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Béranger, der
Freiheitssänger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle
brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen
Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glänzend
durch.

Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei
einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf
den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er seine
Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie
entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der
Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem
sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf
Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die
Geschichte verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens hätte er
es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.

Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er
gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat
bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine
Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl
statt.

Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. Dort
gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete
schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das
Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als sein
Nachfolger daselbst nieder.

Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin
studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun
mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des
Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fünfundvierzig Jährlein
zwölfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie häßlich
war, dürr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie
ein Kirschbaum Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs
an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary
erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr
geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen
Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
unterstützt wurde.

Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich
dadurch günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie pekuniär
unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zügel in ihre Hände.
Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was
nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem
Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mußte
er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe,
überwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Türe,
wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen
mußte sie ihre Schokolade haben, und die Rücksichten, die sie
erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhörlich klagte sie über
Migräne, Brustschmerzen oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute
durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl
auswärts, dann fand sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim,
so war es zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im
Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm
ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang
seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging
die Jeremiade los. Er vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man
habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück.
Schließlich bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund
werde, und um ein bißchen mehr Liebe.




Zweites Kapitel


Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel
eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen kam.
Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf und
verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Straße
stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn.

Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd stehen,
folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er
entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue Troddel hing,
einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und überreicht
ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der richtete sich im Bett auf,
um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den
Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschämt der Wand zu und
zeigte den Rücken.

In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, wurde
Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem Pachtgut Les
Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht
man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis Bertaux zu
Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary
sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem Manne etwas zustoßen.
Infolgedessen ward beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten,
Karl aber erst drei Stunden später, nach Mondaufgang, folgen
solle. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den
Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlösse.

Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen überließ
er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor
irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde
der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und
begann in seinem Gedächtnisse alles auszukramen, was er von
Knochenbrüchen wußte.

Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen Ästen der
Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das Gefieder ob des kühlen
Morgenwindes gesträubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches
Land. Auf dieser endlosen grauen Fläche hoben sich hie und da in
großen Zwischenräumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte
mit des Himmels trüben Farben zusammenflossen; das waren
Baumgruppen um Güter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß
Karl seine Augen auf, bis ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte
und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen
traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten
Erinnerungen paarten, so daß er ein Doppelleben führte. Er war
noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen
Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch
den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen Umschlägen
mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des
Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den Stangen der
Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete ...

Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen,
der am Rande des Straßengrabens im Grase saß.

»Sind Sie der Herr Doktor?«

Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln
in die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs
hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß Herr
Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten
Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege
von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest gefeiert hatte, ein
Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz
allein mit »dem gnädigen Fräulein«, das ihm den Haushalt führte.

Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. Plötzlich
verschwand der Junge in der Lücke einer Gartenhecke, um hinter der
Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein großes Tor
öffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mußte
sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu
werden. Hofhunde fuhren aus ihren Hütten, schlugen an und
rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof
einritt, scheute der Gaul und machte einen großen Satz zur Seite.

Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die
offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo kräftige
Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Längs der
Wirtschaftsgebäude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter
den Hühnern und Truthähnen machten sich fünf bis sechs Pfauen
mausig, der Stolz der Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang,
die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen
zwei große Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen
Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus
Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornböden
heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas
anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume bepflanzt.
Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter der Gänse.

An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in
einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrüßte
den Arzt. Er wurde nach der Küche geführt, wo ein tüchtiges Feuer
brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Töpfen von verschiedener
Form das Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen
naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel,
Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Größe,
funkelten wie von blankem Stahl, während längs der Wände eine
Unmenge Küchengerät hing, über dem die helle Herdflamme um die
Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden
Morgensonne spielte und glitzerte.

Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen.
Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein
stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem Haar, blauen
Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem
Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der er sich
von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um »Mumm in die Knochen
zu kriegen«. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung.
Statt zu fluchen und zu wettern -- was er seit zwölf Stunden getan
hatte -- fing er nunmehr an zu ächzen und zu stöhnen.

Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte sich
einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald erinnerte
er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern
zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten ein
reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams,
der an das Öl gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefettet
werden. Er ließ sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen,
um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stücken wählte
er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glättete sie
mit einer Glasscherbe. Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden
her, und Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster
anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, polterte
der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen stach sie sich
in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus.

Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie hatte. Sie
waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so
schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände freilich
waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß genug und ein
wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank,
nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. Was jedoch
schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im
Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick
traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld.

Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
»einen Bissen zu essen«, ehe er wieder aufbräche. Karl ward in das
Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen
Tische war für zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten
silberne Becher. Aus dem großen Eichenschranke, gegenüber dem
Fenster, strömte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer
Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Säcke mit
Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz
gefunden, zu der drei Steinstufen hinaufführten. In der Mitte der
Wand, deren grüner Anstrich sich stellenweise abblätterte, hing in
einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer
Minerva. In schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben.
»Meinem lieben Vater!«

Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen.
Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem Leben auf
dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft
fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, fröstelte sie
während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen
etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, pflegte sie mit den
Oberzähnen auf die Unterlippe zu beißen.

Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr
schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in
der Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe,
daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen und kaum die
Ohrläppchen blicken ließen. Über den Schläfen war das Haar
gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Taille lugte
-- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.

Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte,
trat er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend,
die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten
hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich
umwendend, fragte sie:

»Suchen Sie etwas?«

»Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!«

Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den Stühlen. Der
Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade zwischen die Säcke und
die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich über die Säcke beugte,
wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der
nämlichen Absicht wie sie ausstreckte, berührte seine Brust den
gebückten Rücken des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma
fuhr rasch in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die
Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.

Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt
dessen war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab
kam er regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die
gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
»zufällig in der Gegend« war. Übrigens ging alles vorzüglich; die
Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer
halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof
herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf
einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, besser hätten ihn
die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht
kurieren können.

Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern
nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber
nachgesonnen hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers
zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in
Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber
wirklich die Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu
köstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines
tätigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt
im Galopp ab und ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem
kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich
die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen
Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof
ein. Es war ihm ein Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den
nachgebenden Flügel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der
Mauer krähen zu hören und sich von der Dorfjugend umringt zu
sehen. Er liebte die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa
Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen
Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des
Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der
Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen Schuhen
sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab
sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe.
War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete sie mit. Sie
hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie
nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im
Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schürzenbänder begannen ihr
um die Hüften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der
Bäume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dächern der
Gebäude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle,
da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte
ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue
Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weiße Haut ihres
Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefühl, daß Emma
lächelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut
vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer ...

Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner
Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in ihrer
doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. Als sie
aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie nähere
Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß Fräulein Rouault im
Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, sozusagen
also »eine feine Erziehung genossen« hatte, daß sie infolgedessen
Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und
Klavierspielen haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie
man zu sagen pflegt.

»Also darum!« sagte sie sich. »Darum also lacht ihm das ganze
Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue Weste
an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh dieses
Weib, dieses Weib!«

Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte in
allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte
sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer
häuslichen Szene über sich ergehen ließ. Schließlich aber ging sie
im Sturm vor. Karl wußte nicht, was er sagen sollte. Weshalb renne
er denn ewig nach Bertaux, wo doch der Alte längst geheilt sei,
wenn die Rasselbande auch noch nicht berappt habe? Na freilich,
weil es da »eine Person« gäbe, die fein zu schwatzen verstünde,
ein Weibsbild, das sticken könne und weiter nichts, ein
Blaustrumpf! In die sei er verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei
ihm ein gefundenes Fressen.

»Blödsinn!« polterte sie weiter. »Die Tochter des alten Rouault,
die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Großvater hat noch die Schafe
gehütet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt
gekommen, weil er bei einem Streite jemanden halbtot gedroschen
hat! So was hat gar keinen Anlaß, sich was Besonders einzubilden
und Sonntags aufgedonnert in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen
Kleidern wie eine Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder!
Wenn im vergangenen Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut
ausgefallen wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
können!«

Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und Küssen
und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr Meßbuch schwören lassen,
nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner heimlichen
Sehnsucht war er kühner; da war er empört über seine tatsächliche
eigne Feigheit. Und in naivem Machiavellismus sagte er sich,
gerade ob dieses Verbots habe er ein Recht auf seine Liebe. Was
war die ehemalige Witwe auch für ein Weib: sie war spindeldürr und
hatte häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben
schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden langen
Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern wie
in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie über ihren
grauen Strümpfen.

Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch
schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele
Essen bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich
ein Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von ihm,
keine Flanellwäsche zu tragen.

Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der Vermögensverwalter
der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in Ingouville, samt allen
ihm anvertrauten Geldern übers Meer das Weite suchte. Nun besaß
sie allerdings außerdem einen Schiffsanteil in der Höhe von
sechstausend Franken und ein Haus in Dieppe. Aber von allen diesen
vielgepriesenen Besitztümern hatte man nie etwas Ordentliches zu
sehen bekommen. Die Witwe hatte nichts mit in die Ehe gebracht als
ein paar Möbel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache
auf den Grund, und da stellte sich denn heraus, daß besagtes Haus
bis an die Feueresse mit Hypotheken belastet, daß kein Mensch
wußte, wieviel Geld wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen,
und daß die Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich
hatte die liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der
alte Bovary einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke
ging, und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in
das Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke eingespannt,
die des Futters nicht einmal mehr wert sei.

Sie fuhren nach Tostes.



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